Biomonitoring Aktivitäten der WCF:
Ziele
Text: Hjalmar Kuehl, MPI für evolutionäre Anthropologie, Leipzig
WCF-Direktion für Westafrika: Dr. Ilka Herbinger
Seit 2004 beteiligt sich die Wild-Chimpanzee- Foundation auch an Bio-Monitoring-Aktivitäten, bisher vor allem in der Elfenbeinküste. Bio-Monitoring ist der Fachbegriff für das Erheben von Daten über die Verbreitung und Häufigkeit einer Art - in unserem Falle der Schimpansen.
Die wichtigsten Fragen, die die WCF mit ihrer Arbeit zu beantworten versucht sind:
- Wo leben die letzten frei lebenden Schimpansenpopulationen?
- Sind diese Populationen stabil oder nehmen sie ab?
- Wieviele frei lebende Schimpansen gibt es noch?
- Was sind die jeweiligen Bedrohungen für das Überleben der Schimpansen vor Ort?
Um diese Fragen zu beantworten arbeitet die WCF in enger Kooperation mit den Behörden vor Ort (OIPR- Office Ivoirien des Parcs et Réserves) und weiteren Nicht-Regierungs-Organisationen (WWF, Conservation International) und Institutionen (Centre Suisse de Recherche Scientifique, Kreditanstalt für Wiederaufbau, Gesellschaft für technische Zusammenarbeit) zusammen.
Bio-Monitoring: Methoden
Die Kartographie von Gebieten, in denen das Vorkommen von Schimpansen entweder bestätigt wurde oder vermutet wird, ist dabei ebenso wichtig wie das Erstellen von Protokollen zur Datenaufnahme, sowie die Ausbildung von Ökologen vor Ort.
Während dieser Datenaufname laufen Teams von 5-7 Leuten zuvor genau festgelegte Strecken ab und sammeln Daten über die Anwesenheit von Schimpansen.
Da Schimpansen durch Wilderei in den meisten Gebieten inzwischen sehr scheu geworden sind, bekommt man sie allerdings nur äußerst selten zu Gesicht. Hingegen sind die Spuren, die sie hinterlassen, viel zahlreicher. Dazu gehören Futterspuren, Werkzeuge und Dung, aber vor allem auch ihre Schlaf- und Ruhenester, die, einmal gebaut, über Monate hinweg als kugelförmige Gebilde in den Bäumen zu finden sind. Bei dieser Arbeit kommen auch moderne Techniken wie das Satelliten-Navigationssystem GPS zur Anwendung, welches den Ökologen bei ihrer Orientierung im Wald hilft.
Personal- und Organisationsentwicklung
Nach einer Datenerhebung müssen die gesammelten Daten ausgewertet werden. Die WCF legt dabei besonders großen Wert darauf, dass ihre Bio-Monitoring Experten nach streng wissenschaftlichen Kriterien arbeiten. Das bedeutet, dass die lokalen Teams durch Experten der WCF ausgebildet und die Datenaufnahmen und -auswertung überwacht werden. Auf diese Weise werden bestehende Datenerfassungsmethoden immer wieder auf ihre Richtigkeit hin überprüft und können gegebenenfalls korrigiert werden.
Auch an der Weiterentwicklung von Bio-Monitoring-Methoden beteiligt sich die WCF.
Bio-Monitoring:
Interpretation der Daten für effiziente Schutzmassnahmen
Sind dann einmal die gesammelten Daten für ein Gebiet ausgewertet und Verbreitungskarten von den gefundenen Schimpansenspuren erstellt, so müssen diese Ergebnisse mit größter Sorgfalt interpretiert werden.
Die Hauptfrage ist dann immer, ob die festgestellte Verbreitung Rückschlüsse auf Störungs- und Bedrohungsquellen zulässt. So kann z.B. mit zunehmender Distanz zu einer Stadt oder einem Dorf die Anzahl von Schimpansennestern kontinuierlich zunehmen, was eindeutig auf eine Bedrohung durch Wilderei schließen lässt.
Die so gewonnenen Ergebnisse werden, wiederum in enger Absprache mit den Behörden vor Ort, dazu genutzt, weitere Schutzmaßnahmen wie etwa die Anti-Wilderer-Einheiten zu koordinieren. Diese legen dann ganz besonderes Augenmerk auf die gefährdeten Gebiete.
Die WCF hat in den letzten zwei Jahren die aufgeführten Aktivitäten durch die folgenden Projekte in bisher drei Nationalparks (Banco, Taï, Marahoue, s. Karte) in der Elfenbeinküste umgesetzt.
Bio-Monitoring in Nationalparks
Taï-Nationalpark
Seit Juli 2004 arbeitet der ivorische Wissenschaftler Paul N'Goran zusammen mit der Parkverwaltung an der Weiterentwicklung, Ausführung und Ausbau des Bio-Monitoring Programms für den Taï-Nationalpark.
Das ursprünglich schon seit etwa acht Jahren bestehende Programm, welches bisher auf die Randbereiche des Parks beschränkt war, wurde nun auf den gesamten Park ausgedehnt. N'goran hat dazu in Zusammenarbeit mit der Parkverwaltung genaue Karten erstellt und ein Protokoll sowie Strecken zur Datanaufnahme festgelegt.
Die etwa 30 für das Bio-Monitoring Programm angestellten und für die Datenaufnahme zuständigen Ökologen und Parkwächter wurden während eines Trainings im Mai 2005 auf die neue Methodik vorbereitet.
Seit August 2005 werden nun erstmals die Daten auch im Innern des Parks erhoben; mit ersten Ergebnissen wird im Laufe dieses Jahres gerechnet. Um es der Parkverwaltung zu ermöglichen, auch für andere Arten ihre Präsenz und wenn möglich Anzahl und Verteilung zu bestimmen, beschränkt sich die Datenerhebung nicht nur auf Schimpansen, sondern beinhaltet eine Vielzahl von anderen Säugerarten (unter anderem Elefanten, andere Affenarten und Waldantilopen) sowie einige Vogel- und Reptilienarten.
In einem zweiten Projekt im Taï-Nationalpark arbeitet der Doktorand Kouakou Yao Celestin seit Juli 2004 an der Überprüfung der Zuverlässigkeit der Datenerhebungs- methoden. Dazu sammelt er in dem Gebiet des Taï-Schimpansen Projektes, in dem die Anzahl der Individuen durch jahrzehntelange Verhaltensbeobachtungen genau bekannt ist, mit derselben Methodik Daten, die auch im gesamten Park angewendet wird. Aus dem Vergleich der Daten mit der Anzahl der dort lebenden Schimpansen können dann Rückschlüsse auf die Genauigkeit der Datenerhebungsmethoden gezogen werden. Erste Ergebnisse dieser Studien werden im Laufe dieses Jahres erwartet.
Banco-Nationalpark
Schon seit längerer Zeit hatte es Gerüchte gegeben, dass in diesem nur etwa 35km² großen Park inmitten der Millionenstadt Abidjan noch immer Schimpansen leben. Um dies zu übeprüfen, führte die WCF 2004 und 2005 eine Nest-Zählung durch mit dem erstaunlichen Ergebnis, dass es dort noch etwa ein Dutzend Schimpansen gibt.
Marahoué-Nationalpark
Parallel zu den Bio-Monitoring-Aktivitäten im Taï-Nationalpark bereitet die WCF seit Anfang 2005 ebenfalls die Datenaufnahme im Marahoué-Nationalpark vor. Dabei stützt sie sich hinsichtlich Festlegung der Strecken und Protokoll zur Datenaufnahme vor allem auf die im Taï-Nationalpark gewonnenen Erkenntnisse. Da von diesem Park und seiner Umgebung keine exakten Karten existieren, musste das Gebiet zunächst genau erkundet werden. Ganz besonders wichtig war dabei die Kartierung von Dörfern, Camps und Pflanzungen, da sich in den letzten Jahren illegale Siedlungen innerhalb der Schutzzone gebildet haben. Ein erstes Training der Parkwächter und Ökologen findet im März 2006 statt, die eigentliche Datenaufnahme wird sich direkt daran anschließen.
Erste Ergebnisse und Hochrechnungen über die Anzahl der dort noch lebenden Schimpansen und anderer Arten werden Anfang 2007 verfügbar sein.
Forêts Classées (Waldschutzgebiete) Cavally und Goin-Débé
Diese beiden Wälder in der Nähe des Tai-Nationalparks wurden zur Holznutzung verpachtet, in Seminaren der IUCN (International Union for Conservation of Nature and Natural Resources) und UNEP/UNESCO jedoch als hochprioritäre Schutzzonen für die westafrikanischen Schimpansen eingestuft. Die WCF entwickelt nun in Zusammenarbeit mit der SODEFOR (Gesellschaft für die Entwicklung des Waldes), die alle Waldschutzgebiete in der Elfenbeinküste verwaltet, ein Bio-Monitoring-Programm, um die Holzfallaktivitäten in diesen Wäldern zu begleiten und deren Einfluss auf die Fauna, insbesondere die Schimpansen, zu beurteilen.

